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Beitragsreihe:

  1. Thema: Biblische Wurzeln der Krankensalbung (November/Dezember 2007)
  2. Thema: Die Tradition der Krankensalbung (Februar/März 2008)
  3. Thema: Die Feier der Krankensalbung (April/Mai 2008)

Die Tradition der Krankensalbung

Das Sakrament der Krankensalbung hat in der Geschichte tief greifende Wandlungen durchgemacht: vor allem auf der Schwelle zum Mittelalter und dann wieder um die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Öl, meistens Olivenöl, erfüllte im Altertum, vor allem im Mittelmeerraum, mehrere Funktionen. Eine wichtige war, es zu benutzen, um Schmerzen zu lindern und Wunden zu heilen. Der ‚barmherzige Samariter’ zum Beispiel goss Öl und Wein auf die Wunden des überfallenen Mannes (Lk. 10, 34). Wenn dies mit dem Anrufen des Namens des Herrn einhergeht, wie zum Beispiel im Jakobusbrief bezeugt wird (Jak 5, 14-16a), sind wir schon bei der ersten Phase der historischen Entwicklung der Krankensalbung. Die Krankensalbung, also eine Ölsalbung mit Gebet, war im Frühchristentum an erster Stelle auf Heilung einer Krankheit und – sekundär und nur im Zusammenhang mit der Krankheit – auf Vergebung von Sünden hin ausgerichtet. Jeder und jede konnte oder durfte die kranke Person salben: so genannte Laien, Mönche, Nonnen, Priester. Es war auch möglich, dass der Kranke sich selbst salbte oder das Öl trank oder schluckte. Der liturgische Akzent wurde nicht auf die Salbung oder auf das Schlucken, sondern auf die Segnung des Öls gelegt. Diese wurde vom Bischof, manchmal vom Priester vorgenommen.

Ab der Mitte des ersten Jahrtausends war das Sakrament der Krankensalbung für die ernsthaft Erkrankten bestimmt, ausgerichtet auf ihre ganzmenschliche Heilung. Dieses Sakrament galt zusammen mit dem Bußsakrament und der Kommunion (der letzten Wegzehrung) als Sterbesakrament, als eine Art Todesweihe, als „Sakrament des letzten Stündleins“. Es war jetzt klar an den priesterlichen Dienst gebunden. Entsprechend schob man seinen Empfang möglichst weit hinaus, oft bis in die unmittelbare Todesnähe und die damit verbundene Bewusstlosigkeit. Man wollte den Lebenswillen des Schwerkranken nicht lähmen bzw. den Sterbenden nicht erschrecken.

Die Bezeichnung „letzte Ölung“ (extrema unctio) stammt aus dem 12. Jahrhundert und war im Bewusstsein der Gläubigen Zeichen des nahen Todes, wichtig und heilsam in der ersten Linie für das Leben nach dem Tode.

Das Zweite Vatikanische Konzil bricht Verengungen der Vergangenheit auf, insbesondere stellt es die Krankensalbung neu in den Zusammenhang mit Christus und der ganzen Kirche. Die Krankensalbung ist bei ernsthafter Krankheit oder Altersschwäche das „Sakrament der Aufrichtung“ und wurde dabei der Empfang der Krankensalbung für einen größeren Personenkreis möglich. Im Einführungswort zur „Feier der Krankensakramente“ heben die deutschen Bischöfe das neue Verständnis hervor:

„Die Krankensalbung muss in den gläubigen Gemeinden wieder das eigentliche Sakrament der Kranken werden. Ihr Ansatzpunkt im Leben ist nicht das herannahende Ende; sie darf nicht als Vorbote des Todes erscheinen. Viel mehr will der Herr in diesem Sakrament dem kranken Menschen als Heiland im tiefsten Sinn des Wortes so begegnen, wie er es in seinem irdischen Leben mit Vorliebe getan hat. Der Heiland ist es, der in der Person des Priesters lindernd und stärkend dem Kranken die Hände auflegt und ihm die Aufrichtung schenken will, die der Kranke in dieser bedrückenden Lebenssituation braucht… In der leibseelischen Krise, die jede schwere Erkrankung mit sich bringt, auch wenn sie noch lange nicht tödlich zu sein braucht, muss der Kranke dankbar sein für die Stärkung, die Christus ihm anbietet“.

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts war der Meinung, dass die Krankensalbung nicht von Jesus Christus selber eingesetzt worden war – das war die Bedingung für die kirchliche Sakramentenspendung – und dass die Praxis der Letzten Ölung einen scharfen Gegensatz zum Salben der Kranken zur Zeit des Neuen Testamentes (namentlich Jak 5, 14-15) und der Frühkirche bildete. Manche Reformatoren waren auch der Ansicht, dass nach der Anfangszeit des Christentums die Gnadengabe, das Charisma der Heilung aufgehört hatte, zu existieren und dass auch aus dem Grund ein kirchliches ‘Heilungsritual’ überflüssig war. Wegen dieser Argumente wurde die Krankensalbung als Sakramentalfeier abgelehnt und sie verschwand etwa vier Jahrhunderte lang aus dem Gesichtskreis der protestantischen Liturgie.

Im östlichen Teil der Christenheit entwickelte sich die Krankensalbung während des mittel- und spätbyzantinischen Zeitraumes nicht oder kaum zu einem Sterberitual, sondern zu einem anderen Extrem. Hier wurde die oft ‘Gebetsöl’ (euchelaion) genannte Krankensalbung immer mehr ein allgemeines Ritual zur Vergebung der Sünden. Jeder orthodoxe Christ, egal ob er oder sie körperlich krank war oder nicht, konnte daran teilnehmen. Doch wurde in Byzanz die Ölung auch für Verstorbene gefeiert. Schon im ersten Jahrtausend wurden in Syrien Tote liturgisch gesalbt. Das lateinische Mittelalter kannte ebenfalls die Totensalbung. Ab dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts entwickelte die griechische Orthodoxie ein Sonderformular der ‘Totenölung’. Dessen Struktur ist großteils die gleiche wie die der gewöhnlichen Krankensalbung, aber das Hauptthema ist hier die Seelenruhe sowie die Sündenvergebung für den Verstorbenen.

Quellen: Rituale Krankensakramente, Lies: Die Sakramente der Kirche, Adam: Grundriss Liturgie