Elija in der einen Hand Gottes. Die andere Hand weißt ihm den Weg.

Leitartikel

Krankenseelsorge

„Pastoral der Gesundheit und Krankheit“

Die Stadtteile Böfingen und Jungingen sind Ulmer Stadtteile mit dem höchsten Anteil älterer Menschen. So zählt der Stadtteil Böfingen 2.201 Bürger/-innen über 65 Jahren (21%) und Jungingen 560 Bürger/-innen (17,5%). In der Statistik der katholischen Gemeinden zählt die Gemeinde Zum Guten Hirten 749 Personen über 66 Jahren (29%), in Sankt Josef 145 Personen (18%). 40% der Älteren (302 Personen in Böfingen) und 25% (43 in Jungingen) sind allein stehend. Die Angebote für Senioren (Seniorenclub, Seniorentreff, Mittagstisch) und Hilfsbedürftige (Nachbarschaftshilfe) in der Gemeinde sind sehr gut und vielseitig. Ein deutlicher Mangel zeigt sich in der seelsorgliche Fürsorge für kranke Menschen, vor allem kranke Menschen im Alter.

1. Problemlage

Die Lebenssituation von kranken und pflegebedürftigen Menschen ist oftmals geprägt von Isolation, Verunsicherung und Vereinsamung. Sie kommen für einen gewissen Zeitabschnitt oder dauerhaft nicht mehr in allen Lebensvollzügen vollständig alleine zurecht. Es entstehen Abhängigkeiten von Angehörigen oder Pflegepersonal. Die gewohnte Selbständigkeit und Mobilität gehen verloren. Sie erleben eine besondere Form der Ohnmacht und seelischen Armut. Besonders die peripheren Stadtteile wie Böfingen mit ihrem Siedlungsbau aus den 50er und 60er Jahren einer Großstadt unterliegen der Anonymität. Familienangehörige sind aus beruflichen Gründen nicht in Ulm ansässig, so dass die Familien zerrissen sind und eine persönliche Betreuung und Begleitung der kranken und alten Eltern bzw. Großeltern nicht möglich ist.

Durch die Fixierung auf den eng begrenzten Wohnraum ist der Bezug zur jahrelang gewohnten Kirchengemeinde abgerissen. Darunter leidet auch die persönliche Gottesbeziehung, die sich traditionellerweise auch im Gottesdienstbesuch ausdrückt. Gleichzeitig kommt der Menschen bei Krankheit an eine Grenzerfahrung der Ohnmacht und wird mit den Themen „Schuld“, „Verzeihen“ und „Vergangenheitsbewältigung“ konfrontiert.

2. Ziel
e

Das Projekt verfolgt zwei Ziele:

  • Kranken und pflegebedürftigen Menschen soll durch einen Krankenbesuchsdienst, nach Bedarf auch durch einen Krankenkommunionsdienst, Trost und Fürsorge in seelische Belange angeboten werden.
  • Die Kirchengemeindemitglieder soll für die Lebenssituation für kranke und pflegebedürftige Menschen sensibilisiert und für eine seelsorgliche Aufgabe gewonnen werden.

3. Krankenbesuche

Oftmals, nicht immer, geschieht der Weg zu einer lang andauernden Krankheit über einen Aufenthalt im Krankenhaus. Es soll der Versuch unternommen werden, die Kranken bereits in Zusammenarbeit mit der Klinikseelsorge in den Ulmer Kliniken zu besuchen, um dann zu erspüren, ob eine weitere Begleitung zu Hause erwünscht ist. Die Besuche zuhause sollen geprägt sein von einer echten Beziehung mit gewisser Regelmäßigkeit, Treue, Sensibilität und Zuverlässigkeit. Wichtig ist vor allem das Dasein, Zuhören und das Nicht-Alleine-Lassen.

Die Projektmitarbeiter/-innen besuchen Kranken und Pflegebedürftige Zuhause, im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Sie sollen vor allem als Gesprächspartner den Kranken und Pflegebedürftigen in seelsorglicher Tiefe begegnen. Die diakonische Dimension eröffnet sich vor allem darin, dass die Fürsorge und Zuwendung zum Kranken die Gegenwärtigkeit Gottes spürbar wird.

4. Hauskommunion für Kranke

Wenn man jahrzehntelang die Eucharistiefeier an Sonn- und Feiertagen gefeiert hat, ist es oftmals ein schmerzlicher Einschnitt im Leben und Frömmigkeit, wenn durch die Krankheit plötzlich der Gottesdienstbesuch erschwert wird oder nicht mehr möglich ist. Das Angebot der Hauskommunion soll jeder und jedem offen stehen, der eine Sehnsucht nach einer eucharistischen Feier spürt. Ehrenamtliche Kommunionhelfer werden darauf vorbereitet, eine kleine liturgische Feier mit den Kranken zu feiern. In der Sehnsucht nach der eucharistischen Gegenwart geschieht ein zutieft diakonischer Dienst im ursprünglichen Sinn: die Wahl der Sieben Männer für den Dienst an den Tischen (vgl. Apg 6,1-7). In der Hauskommunion erfüllt jedoch nicht nur ein liturgischer Dienst, sondern in der vor- und nachbereitenden Begegnung eröffnet sich der seelsorgliche Zugang, der Seele etwas Gutes tun zu können. Des Weiteren eröffnet sich im gemeinsamen, aber auch gemeinsam stillem Gebet die Stärkung der Gottes- und Jesusbeziehung der kranken Menschen, aber auch Angehörigen. Im eucharistischen Gebet erfährt der Mensch oftmals Ruhe, Vertrauen und Geborgenheit.

Die Projektmitarbeiter/-innen bringen auf Anfrage Kranken und Pflegebedürftigen, denen ein Kirchgang nicht mehr möglich ist, nach Hause. Es soll die Tradition des Herz-Jesu-Freitag als Aussendungstag bzw. -wochenende aufrechterhalten und verstärkt werden. Der Dienst ist ebenso auch eine spirituelle und persönliche Bereicherung für die Mitarbeiter/-innen.

5. Stärkung der Krankensalbung

Die Krankensalbung ist ein besonderes Zeichen des Heils unseres liebenden Gottes. Dieses wunderbare Sakrament ist ein priesterlicher Dienst, der zunehmend in Vergessenheit gerät und oftmals mit dem Begriff der „letzten Ölung“ verwechselt wird. In den Gemeinden soll zweimal jährlich ein gemeinschaftlicher Krankensalbungsgottesdienst gefeiert werden. Es wird so an eine lange Tradition angeknüpft und der diakonische Blick konsequenterweise geschärft. Eingeladen sind alle, die dem besonderen Heilszeichen Gottes begegnen wollen. Aus den gottesdienstlichen Feiern soll der Mut gestärkt werden, sich auch auf eine individuelle Krankensalbung zu Hause einzulassen.

6. Qualifizierung von Mitarbeiter/-innen

Alle drei Dienste sehr anspruchsvoll und fordern von den Mitarbeiter/-innen seelsorgliches Fingerspitzengefühl. So hat bei der Suche nach Mitarbeitenden äußerste Sorgfalt in Sinne der Kranken aber auch der Interessenten zu walten.

Die Mitarbeiter/-innen sollen eine seelsorgliche Basisausbildung in Gesprächsführung und Spiritualität erhalten. Die Dimensionen von Wertschätzung, Echtheit und Empathie sollen mit dem eigenen Erleben in Vergangenheit und Geschichte verbunden werden. Ebenso liegt der Arbeit mit alten und kranken Menschen ein hohes Geschick des schlichten Zuhörens zugrunde, das gelernt und geübt sein will. Eine Begegnung im Gebet kann nur fruchten, wenn man selbst einen Zugang zu seiner eigenen Spiritualität hat.

Eine kontinuierliche und regelmäßige Begleitung in Form von individuellen aber auch kollegialen Gesprächen und Gebeten ist erforderlich.

7. Schlussbermerkung

Die Realisierung des Projekts steht und fällt mit dem Engagement der zu gewinnenden Mitarbeiter/-innen. Aller Anfang ist schwer. Wir dürfen anfangen und die Bedürfnisse der Menschen in Böfingen und Jungingen werden uns das Machbare zeigen.

Wir möchten die ganze Gemeinde bitten, die Seelsorge für die kranken Menschen mit ihrem Gebet zu begleiten. Mögen uns das Vorhaben helfen, die Gegenwart des liebenden Gottes in der Begegnung mit leidenden Menschen zu erahnen.