Sieh, ich zeige Dir neues Land!
(Beitrag im Ulmer Kirchenblatt, Oktober 2010)

„Herzlich Willkommen in der Universitätsstadt Ulm!“

Der Monat Oktober ist der Monat für Hochschulen und Universitäten. Das Akademische Studienjahr beginnt. Tausende von jungen Menschen machen sich auf, machen sich auf den Weg zu ihrer neuen Ausbildungsstätte, ihrem neuen Lebensumfeld: Hochschule Ulm oder Universität Ulm. Sie verlassen ihre Heimat, vielleicht weit entfernt, und starten ein neues Leben in Ulm.

Für viele ist es die lang ersehnte Freiheit, frei sein von elterlichen Zwängen, frei von provinziellem Dasein. Junge Männer haben vielleicht ihren Bundeswehrdienst oder Zivildienst hinter sich. Manche Frauen machen ein Freiwilliges Soziales Jahr, vielleicht im Ausland. Jetzt ist die Zeit gekommen, einen wichtigen Schritt in die eigene Zukunft zu tun.

Studierende ziehen nun aus, um die Welt zu erobern, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, eine berufliche Laufbahn zu starten, neue Menschen kennen zu lernen, neue Wohnung, neues Zuhause, weil sie genau das tun können, was sie immer schon tun wollten.

Aber…Dieser Neuaufbruch hat auch seine schweren Seiten: Das Verlassen der vertrauten Umgebung, der Freunde, der Familie, der Heimat, dort, wo man sich aufgehoben fühlen konnte. Die bisherigen Beziehungen werden schwieriger zu pflegen, weil die Entfernung ein regelmäßiges Wiedersehen erschwert. Fernbeziehungen entstehen. Man verliert sich aus den Augen. So geht auch manche Beziehung zu Ende, kaputt. Mit dieser Situation muss man umgehen lernen. Das macht auch traurig. Für manche ist das Los noch schlimmer, weil Ulm für sie nicht erste Wahl war. Sie wurden durch Zulassungsverfahren nach Ulm verpflichtet. Der lang ersehnte Neuaufbruch wird nun auch noch überschattet von der Enttäuschung, nicht dort studieren zu können, wo man eigentlich wollte. Das muss erstmal verdaut sein.

Mut macht die biblische Geschichte Abrahams mit Gott, der ihm zuspricht: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus…Ein Segen sollst du sein.“ (Gen 12, 1-2) Es ist gut, dass junge Menschen aufbrechen und neue Wege beschreiten. Unsere Chance besteht darin, sie herzlich in Ulm zu empfangen, sie aufzunehmen und ihnen ein Stück weit neue Heimat zu werden. Gott geht mit.

Ich arbeite an der Universität Ulm und betreue 1800 Medizinstudierende, davon jährlich – beginnend im Oktober – 310 Studienbeginner im ersten Semester. Die Begegnungen mit jungen Menschen eröffnen mir genau die oben beschriebenen Lebenssituationen. Das Mitgehen mit den jungen Menschen heißt für mich neben den vielen organisatorischen Aufgaben, sie ein Stück weit beim Betreten des Neulandes zu stützen, ihnen ein Wegweiser zu sein.