KINDERSCHUTZ in der Kirche
(Beitrag im Ulmer Kirchenblatt, 10/2011)

2010 war der Beginn einer erschütternden Aufdeckung „verabscheuungswürdiger Verbrechen“ des sexuellen Missbrauchs (Bischof Dr. Fürst 18.03.2010) innerhalb der katholischen Kirche und elitären Einrichtungen in Deutschland. Sie werden sich fragen, warum ich dieses Thema schon wieder aufgreife. Es ist doch schrecklich genug, lass uns doch in Ruhe. Der Papstbesuch hat das auch wieder aufgewühlt. Nein, die Auseinandersetzung mit den schrecklichen Taten sexuellen Missbrauchs und deren Folgen hat erst begonnen (vgl. die Skulpturen von Anna Skrabal, www.skrabal.at). Das Überdenken gefährdender Strukturen und das Schaffen schützender Maßnahmen für Kinder ist erst jetzt in den Blick der breiten Öffentlichkeit, Kirche und Politik gerückt worden. Nach eineinhalb Jahren hat die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung der Bundesregierung Dr. Christine Bergmann (www.beauftragte-missbrauch.de) ihre Arbeit resümiert und war dazu auch am 20.9.2011 im Rahmen des 10jährigen Bestehens der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie der Uniklinik Ulm in der Stadt. Sie berichtete, welch schreckliches Leid über die telefonische Hotline (0800-2255530) der über 20.000 Anrufenden (täglich weitere 50 Anrufe) und über 2.000 Briefe und Emails an sie herangetragen wurde. Übergriffe und sexueller Missbrauch finden überall statt (Anrufer-Auswertung, nicht repräsentativ): in Familien (52%), in Institutionen (32%, davon 44% im katholischen Umfeld) in anderem sozialen Umfeld (16%). Es sind nicht Taten der Vergangenheit, sondern 70% der heutigen Jugendlichen bestätigen ein sexuell übergriffiges Verhalten durch Erwachsene (www.dji.de). Ähnliche Ergebnisse zeigt auch die Auswertung der katholischen Hotline (http://www.hilfe-missbrauch.de/, 0800-1201000).

Auch unsere Diözese wurde und wird schwer erschüttert von sexuellen Missbrauchsfällen. Als Antwort darauf haben unser Bischof und das Ordinariat u.a. erweiterte Hilfestrukturen aufgebaut bzw. gefestigt, um Betroffenen zu helfen und auch uns, die wir in den Gemeinden leben und arbeiten, für den Schutz unserer Kinder zu sensibilisieren. Zu diesem Kinderschutz gehört eine reflektierte „Kultur der Aufmerksamkeit“. Zu lange gab es das Wegschauen, das Verdrängen und Negieren in allen gesellschaftlichen Bereichen. Übergriffiges, grenzverletzendes Verhalten war und ist ein schwer fassbares Verhalten. Potentielle Täter (87%) und Täterinnen (7%) (6% durch beide) handeln mit subtilen pseudo-vertrauensschaffenden Strategien. Wir alle in den Ulmer Gemeinden müssen uns bewusst sein, dass wir als institutionelle Gruppierung in der Gesellschaft ein „Risikobereich“ sind. Es geht nicht darum, Menschen in Generalverdacht zu stellen. Es gilt klar zu machen, dass es unser Auftrag als Gemeinden und kirchliche Einrichtungen ist, ein vertrauensvoller Ort des Schutzes für Kinder, ein Ort des sicheren Rückzugs zu sein.

In allen gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen braucht es klare Leitlinien und Standards (http://www.rundertisch-kindesmissbrauch.de). So halte ich es auch für notwendig, dass wir, die wir vor Ort mit und für Kinder und Jugendliche unseren Dienst tun, auf kritische Situationen vorbereitet und geschult werden. Es braucht eine Reflexionskultur über die Funktion der Gemeinde, „Schutzraum“ für Kinder und Jugendliche zu sein. Zu diesem Schutzraumgedanke gehört es auch, dass jede/r einzelne sich selbst dazu äußern. In diesem Sinne verstehe ich auch die vom Ordinariat vorgeschriebene Selbstverpflichtungserklärung der Ehrenamtlichen bzw. die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses der Hauptamtlichen. Flankiert werden muss dieses neue Verfahren ohne Frage durch vertiefende Qualifizierungs- und Auseinandersetzungsprozesse, die auf breiter Basis erst entwickelt und erprobt werden müssen, übrigens in allen gesellschaftlichen Bereichen. So werden wir als Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm mit der Päpstlichen Universität Gregoriana und der Erzdiözese München und Freising ein mehrsprachiges Zentrum für Kinderschutz gründen, um pastorale Berufe, v.a. Priester, weltweit für den Kinderschutz zu qualifizieren (www.elearning-childprotection.com, im Aufbau).