„Allzeit bereit“ will ich sein…
(Beitrag im Ulmer Kirchenblatt, 06/2012)

So heißt es im Versprechen jedes Pfadfinders/jeder Pfadfinderin. Hinter diesem „Allzeit-Bereit-Sein“ finden wir den Ansatz einer ganzheitlichen Pädagogik und Spiritualität der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG). Während einer Leiterausbildung im Stamm Ulm-Nord hatten wir (die Leiterrunde) uns dem Thema Spiritualität bei Kindern und Jugendlichen angenähert (http://www.dpsg-ulm-nord.de). Spiritualität wird dabei gerne auch gleich zum Reizwort, wird als anstrengend empfunden, löst einen schwer greifbaren Widerstand aus. Und doch konnten wir uns darauf einlassen, dass die spirituelle Dimension neben Intellekt, Gefühle und Körper zum Menschen als eine sich entwickelnde Persönlichkeit gehört. Gerade dieses Un-Begreifbare macht uns auch wachsam für die Kinder, die uns anvertraut sind.

Die DPSG-Lilie im Stammesbanner des Stammes Ulm-Nord (Bild) zeigt das Kreuz als Ausgangspunkt für die zentrale Dimension pfadfinderischen Denkens und Tuns: Beziehung und Verantwortung. In den drei Spitzen der Linie und auch im Pfadfindergruß der linken Hand (Daumen hält den kleinen Finger als Symbol der Verantwortung der Großen für die Kleinen und die drei mittleren Finger als Bezug zu den Lilienspitzen) wird dieses „Allzeit-Bereit-Sein“ konkreter, nämlich erstens Verantwortung zu übernehmen bzw. in die Verantwortung hineinzuwachsen, für andere da zu sein, Schutz zu bieten, Zusammenhalt einzuüben und miteinander auf dem Weg zu sein. Zweitens die Beziehung zu Gott zu suchen, für seine Schöpfung Sorge zu tragen, in der Natur die göttliche Gegenwart, etwas Transzendentes zu erleben. Und schließlich drittens Verantwortung für sich selbst, für die eigene Entwicklung zu übernehmen, was mit der sehr ausgeprägten Reflexions- und Feedbackkultur der DPSG einen wichtigen Baustein der Verbandspädagogik darstellt. Pfadfinderische Spiritualität ist also Beziehungsarbeit im ganzheitlichen Sinne und im Sinne der Goldenen Regel (Lk 10, 27).

„Jedes Kind ist ein wunderbares Geheimnis“ (Korcak, jüd. Arzt und Pädagoge). Diese pädagogische Haltung gehört auch zur Pfadfinderphilosophie. Abenteuer und Spiel erschließen neugierig und offen für jede Altersstufe (Wölflinge, Jungpfadfinder, Pfadfinder, Rover und Leiter) die Tiefendimension des Alltags, der, auch wenn wir uns mit unseren Kindern und Jugendlichen in Gruppenstunden oder Zeltlagern von einer Alltäglichkeit von Schule und Familie abheben, bewusst durch eine verlässliche Rhythmik in altersübergreifenden und geschwisterlichen Gemeinschaft eingeholt wird (Bild: Seil mit Weberknoten als Verbindlichkeit im Alltag). Auch in unseren alltäglichen Bezügen treffen wir auf die Reflexionskultur der DPSG und lässt uns fragen: „Was passiert da eigentlich? Was wirkt wie? und Warum?“. Diese Haltung lädt uns ein, das Staunen vor dem Geheimnis des wunderbar Kindlichen nicht zu verlieren.

Schließlich lassen sich aus den Lilienblättern die Suche und die Sehnsucht nach Balance und verbindender Einheit ableiten. Im pfadfinderischen Sinn spirituell leben heißt, Balance in allen Lebensbereichen zu suchen und zu fördern, gerade auch während eines spirituellen und menschlichen Wachsens in den Polaritäten von Schmerz und Glück, Tod/Abschied und Leben, Mangel und Überfluss. Dazu braucht es Achtung und Achtsamkeit, die sich nicht auf ein pädagogisches „Alles-Wissen“ beschränkt, sondern mehr auf ein gemeinsames Fragen, Staunen, Zurückhalten und ein Sich-Einlassen setzt. Die Kompassnadel ist ein Symbol dafür, dass wir uns immer wieder neu ausrichten wollen, immer wieder Wege suchen wollen, die uns zu einander, zu uns selbst und schließlich zu einem größeren Ganzen führen.

 

Wenn Kinder und Jugendliche also als Pfadfinder versprechen, „allzeit bereit will ich sein…“, dann erreicht diese Zusage nicht nur die Hilfsbereitschaft, die Taschen über die Straße zu tragen, sondern das Einüben des Bewusstseins, Augen und Ohren offen zu halten für das Göttliche im Alltag, das Einüben einer Achtsamkeit auf die kleinen Dinge in den Orten, in der Sprache, im Handeln, im Feiern, um das Geheimnis des Lebens zu erahnen.