„Es ist Gottesdienst, und keiner geht hin“. Ein Plädoyer für eine diakonisch-missionarische Liturgie
(Beitrag im Ulmer Kirchenblatt, Ostern/2013)

1.         Inkulturierung oder Wandel: Im Hinblick auf die Anzahl der schwindenden Kirchgänger/innen und die Zunahme des Altersdurchschnitts unserer Gottesdienstbesucher/innen stellt sich die Frage, welche Bedeutung Liturgie überhaupt noch für das Christsein hat. Braucht es Liturgie überhaupt noch? Wenn wir davon ausgehen, dass nur noch 5% der Katholik/innen zur Gottesdienst- bzw. Kerngemeinde gehören, ist unser Problem nicht wirklich der Wandel einer Liturgie, Sie hat sich faktisch erübrigt..Oder eben gerade das Gegenteil: Keiner geht hin, weil die Liturgie nicht anspricht?! Ich persönlich bezweifle letzteres. Die Frage „Gott ja, Kirche nein“ ist ja nicht nur auf die Liturgie bezogen, sondern auf die Institution insgesamt. Wenn wir von Liturgie sprechen, denken wir wohl meistens an die sonntägliche Eucharistiefeier. Jedoch kennt die Kirche eine Vielzahl von Gebetsformen, die unter Liturgie im weiteren Sinne gefasst sind. Ich selbst konnte in Indien erleben, dass mit der katholischen Kirche unierte Kirchen ganz andere Abläufe und Riten kennen. Auch in Afrika ist die liturgische Form der Eucharistiefeier durch kulturelle Elemente, wie Tänze, Gesänge, zur Gabenbereitung oder zur Kollekte in erstaunlicher Weise „inkulturiert“. Die Frage, die sich für mich stellt ist, ob unsere liturgische Form des Sonntagsgottesdienstes auch mit unserer Lebenskultur verbunden ist oder vollziehen wir einen Ritus, der eine Verbindung zu den Menschen und ihren Lebenswelten verloren hat.

2.         Schlichtheit: Für mich stellt sich  die Frage nach Wandel und Erneuerung  unserer Liturgie.. Eine schlichte Werktagsmesse lässt mich nach einem anstrengenden Arbeitstag eintauchen in ein Mysterium, das mich loslöst vom Stress und den Belastungen des Tages. Die Aussagen der biblischen Texte rücken stärker in den Fokus, da eine Werktagsliturgie das Wesentliche deutlich zum Ausdruck bringt. Wenn wir vom Wandel sprechen, bin ich der Überzeugung, dass wir uns dem Kern jeder Liturgie vergewissern sollten: Die Feier eines Geheimnisses, die mystische Verbundenheit von Gott und Mensch im Gebet und die Feier des Brotbrechens, die weltweit täglich tausende Male vollzogen wird. Dieses Geheimnis können wir nicht modernisieren, weil es die Grundwahrheit unseres Glaubens ist.

3.         Mysterium und Sinne: Es ist nicht nur die äußere Form einer Liturgie, die die Frage nach einer modernen Liturgie ausmacht. sondern die Sehnsucht nach einer nur mit Staunen erahnbaren Vergegenwärtigung Jesu Christi in jedem Augenblick von Liturgie. Dies geschieht oft nur für Augenblicke. Ich denke an die Liturgie in Taizé, die mit ihren Elementen unseren Geist, unseren Sinn und unsere Seele verzaubern, z.B. Klänge, Gerüche, Lichter. Es geht nicht darum, dass Liturgie immer funktional ist; sondern fesselt,sodass ich meine Augen schließen kann und ich mich fallen lasse. Vielleicht spüre ich auch nur einen Moment, einen Bruchteil einer Sekunde eine Regung, ein Gefühl, eine Emotion der Liebe Gottes, welche dann aber Liturgie mit der Öffnung für das Transzendente erfüllt. Das liturgische Geschehen ist ein heiliges Theater (theatrum sanctum), und gewinnt in ihrer Präzision und Würde  an mystischem Charakter.

4.         Persönlichkeit: Nach meinem Verständnis sollten wir den Liturgiebegriff weiten und neue Formen der Gottesbegegnung über den sonntäglichen Gottesdienst hinaus suchen.. Wir sollten uns treiben lassen von freien Gebeten und mit offenem Herzen zum Ausdruck bringen, wo wir stehen. Wagen wir es, liturgische Texte und Gebete, Fürbitten nicht nur abzulesen, sondern in ein persönliches Gebet zu wandeln. Eine gute Predigt, eine stimmungsvolle Musik ist nicht alles, sondern das Zusammenspiel aller Elemente bis hin zu einem reibungslosen Tischdienst und das verlässliche Glockengeläut durch die Ministrant/innen. Kritisch anzumerken ist, dass die katholische Liturgie von Männern geprägt ist. Wenn es um ein ganzheitliches Verständnis von Liturgie gehen soll, braucht es auch die Stimme und die liturgische Präsenz von Frauen.

5.         Gott- und Selbstvertrauen: Als Diakon repräsentiere ich den dienenden Christus, der uns den Tisch bereitet. Der Kelch mit dem Blut symbolisiert das Leiden der Armen, der Ausgestoßenen, der Einsamen, der Kranken. Liturgie sollte mitten im Leben stehen und diese menschlichen Leiden aufgreifen und verwandeln. Mit dem „Ite missa est“ („Gehet hin in Frieden“) ist schließlich der Kern jeder Form des Gebets zu begreifen. Aus der Gottesbeziehung heraus, aus der Sehnsucht nach der Liebe Gottes im transzendenten Mysterium sind wir gesendet, um mit gestärktem Selbstvertrauen und Gottvertrauen das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen.