Staunen über das Christentum – Staunen über das Menschsein
(Beitrag im Ulmer Kirchenblatt, 12/2015)

„Ungläubiges Staunen über das Christentum“, ein Buchtitel (C.H.Beck, 2015), den Navid Kermani (*1967), der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels veröffentlicht hat. Er ist ein deutsch-iranischer Schriftsteller, Muslim, der sich mit seinem christlich geprägten Umfeld auseinandersetzt und letztens bei der Preisverleihung durch ein verbindendes Gebet für Kriegs- und Fluchtopfer Anerkennung aber auch Kritik geerntet hat. Mich berühren gerade die Begebenheiten, die religions- und völkerverbindend, ja und damit auch ein Stück friedenstiftend sind. In einer Zeit, in der Unfrieden, Verfolgung, Furcht und Angst, Gewalt und Terror unsere Nachrichtenwelt, aber auch erschreckend nahe das eigene behütete Leben verunsichern, ist das bewusste Setzen von Symbolen (eben dieses öffentlichkeitswirksame Gebet in einem unerwarteten Kontext) so wichtig, weil sie ein Rückbesinnen auf unsere Ursprünge zeichnen. Kermani wagt es auf seine Art als Muslim einen Außenblick auf das Christentum zu werfen (S.10): „…und wenn ich den Gedanken der Inkarnation in nur einem Menschen nicht für grundverkehrt hielte und speziell die katholische Vorstellungswelt mir nicht so heidnisch vorkäme, mich die Ordnung nicht abstieße, die alle und eben auch die menschlichen Verhältnisse hierarchisiert, die Demonstration von Macht in jeder katholischen Kirche, dazu die bis in den Blutrausch reichende Leidensvergötterung, womöglich hätte ich mich seinen Praktiken nach und nach angeschlossen, hätte die lateinische Messe besucht[…], wenngleich anfangs mehr aus ästhetischen Gründen, vielleicht auch aus Faszination für die beispiellose Kontinuität einer Institution, die aus Gottes Angehörigen eine Gemeinschaft bildet. Nur ihr ist es auf Dauer gelungen. Wer weiß, vielleicht wäre auch mir eines Tages das Wunder erschienen, das dieses prächtigste aller Himmelsgebäude hervorgebracht hat. So halte ich die Möglichkeit zwar weiterhin für falsch – aber erkenne, mehr noch: spüre, warum das Christentum eine Möglichkeit ist.

Ich bringe dieses Zitat, weil es mich gerade in der Adventszeit aufhorchen und mich selbst fragen lässt, an welchen Gott ich glaube und noch mehr, ob ich denn wirklich an die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes glaube. Ist es doch das alleinige entscheidende Merkmal eines Christenmenschen, nämlich an den Gott zu glauben, der in Jesus Christus Mensch geworden ist? Ich bin nicht nur Christ aus moralischen Gründen, ein gutes verantwortungsvolles Leben zu führen. Das tun andere auch. Es bleibt die adventliche Frage nach der Ankunft Gottes als Mensch auf Erden.

Ein Provokateur seiner Zeit war der Rufer in der Wüste: Johannes der Täufer. Von ihm hören wir, wie er die Rückbesinnung verkündet. Er verkündete überall Umkehr und Taufe. Macht Euch bereit! Bereitet dem Herrn den Weg! (vgl. Lk 3,1-6). Johannes der Täufer wirft mich zurück zu meinen Wurzeln, zu meinen Anfängen, nämlich nachzusinnen und mich zu vergewissern, wo für mich das Fundament meines Glaubens an die Inkarnation, an Gottes Menschwerdung gründet. Mit dem Ruf zur Umkehr bin ich in die Tiefen meiner Existenz berufen: Mache Dein Herz weit, öffne Dich, lege Deine Seele frei, damit das geschehen kann, was in der Taufe in uns angelegt ist, das unumkehrbare Siegel der göttlichen Würde, die Ankunft Gottes in uns selbst. Dann beginnt das Staunen über das Leben - das Staunen über das Christentum nicht als eine Weltreligion, sondern zu aller erst das Staunen über das Menschsein, das hineingenommen ist in Gott selbst, weil Jesus Christus Mensch wird, weil er kommt, weil er mich hineinnimmt in die Inkarnation Gottes. Gläubiges Staunen! – ein adventlicher Ruf.