Das akuelle Interview (Januar 2015):  Polizeiseelsorger: ein seelischer Anker für die Polizisten

Seit September 2013 ist Herr Diakon Dr. Hubert Liebhardt für die Seelsorge der Polizeibeamte zuständig. Er hat sein Büro im Augustinushaus bei der Wengenkirche.

KBwie groß ist Ihr Einzugsgebiet- wieviele Polizeibeamte können sich an Sie wenden?

Liebhardt: Mein Einzugsgebiet reicht von Heidenheim bis Konstanz. Dazu kommen die Polizei-Hochschulen an den Standorten Villingen-Schwenningen und Biberach. In diesem Gebiet arbeiten ca. 7.000 Bedienstete bei der Polizei.

KB: welche Probleme werden an Sie herangetragen?

Liebhardt: Menschen kommen zu mir mit ganz verschiedenen Anliegen im beruflichen und privaten Kontext. Meist sind beide Lebensbereiche betroffen, weil Berufliches und Privates bei einem Polizeibeamten wie in einem Uhrwerk zusammenspielen müssen. Problembereiche sind beispielsweise Belastungen im Einsatz, die Begegnung mit Sterben und Tod, Partnerschaftsprobleme, finanzielle Schwierigkeiten, Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen etc.

KB: Wie können Sie als Seelsorger helfen?

Liebhardt: An erster Stelle steht das Zuhören. Es tut gut, einem Außenstehenden die eigenen Probleme schildern zu können. Ich bin kein Therapeut oder Sozialarbeiter, sodass meine Methode vor allem die geistliche Begleitung ist. Die Person steht mit ihrem Fragen und Suchen im Mittelpunkt. Das spüren die Menschen: da ist jemand, dem kann ich vertrauen, der kennt das System Polizei. Das Gespräch mit dem Seelsorger unterliegt der Schweigepflicht. Das nutzen die Polizeibeamten. Mir sind aber auch die Grenzen meiner seelsorglichen Arbeit bewusst. Ich bin kein Psychologe oder Psychotherapeut.

KB: Wie gut kennen Sie die Polizeiarbeit?

Liebhardt: Ich war in den ersten Wochen auf verschiedenen Dienststellen und Organisationseinheiten der Polizei unterwegs in Ulm, Ravensburg und Tuttlingen. Das hat mir einerseits gezeigt, wie Polizei funktioniert, auch auf Streife. Andererseits wurden während dieser Zeit auch die zentralen Problemlagen der Polizeibediensteten an mich herangetragen.

KB: Worin unterscheidet sich ein Seelsorgerdienst für Polizeibeamte von einem „normalen“ Seelsorgedienst?

Liebhardt: Mein Gemeindeleben ist die Polizeiwelt: die Dienststellen, die Straßen und Plätze, in denen die Polizei ihren Dienst tut. D.h. ich arbeite als „Seelsorger im Außendienst“ mit einem monatlichen Fahraufkommen von ca. 2.000 Kilometern. Es gibt kaum liturgische oder sakramentale Dienste. Ich bin spezialisiert auf Lebenskrisenberatung und Vorbeugung vor seelischen Verletzungen. In dieser Spezialisierung gebe ich vor allem Zeugnis durch meine christliche Haltung und meinen Glauben an einen heilenden Gott. Dabei kommen Kirche, Gott, Jesus nur selten direkt zur Sprache. Die Menschen wissen und spüren aber, dass beim Seelsorger mehr mitschwingt als die reine Beratung.

KB: Sie bieten für die Polizisten auch sog. Wanderexerzitien an- was tun Sie da?

Liebhardt: Die Wanderexerzitien sind mein spirituelles Highlight im Jahr. Mit ca. 18 Polizeiangestellten mit oder ohne Partner/-in verbringen wir im Montafon fünf Tage mit Besinnung, Bewegung und Begegnung. Elemente sind thematische Bibelimpulse, Wanderung im Schweigen, Austausch der inneren Erlebnisse und ein Gottesdienst.

KB: Sie unterrichten auch das Fach Berufsethik an der Polizeihochschule- worum geht es da?

Liebhardt: Es geht um den „Menschen in Uniform“, die Berufsmotivation, die alltägliche Konfrontation mit Sterben, Tod, Trauerund Gewalt. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit den seelischen Gefahren und Möglichkeiten der Bewältigung von Einsatzbelastungen. Und es geht um den „guten Polizeibeamten“, um richtiges und gesellschaftsethisches Handeln in Konfliktsituationen des Berufsalltags, über das eigene Gewissen,  Schuld aber auch Hilflosigkeit.

 

Doris Riedmüller.