Predigt zum Polizeigottesdienst auf dem Bussen am 01.10.2014

 

Zeige mir, Herr, deinen Weg! (Psalm 27,11)

Liebe Schwestern und Brüder,

mit der Geschichte des blinden Bartimäus wird in uns ein Bild erzeugt eines geschundenen, verstoßenen und vereinsamten Taugenichts. Er sitzt wohl schon sein Leben lang am Straßenrand, auf der Erde, im Dreck der Straße, im Dreck des Lebens und bettelt um Almosen, blind, abgeschnitten von der Welt, ausgestoßen, wie viele andere als aussätzig behandelt. Von der Gesellschaft an den Rand, ja aus der Stadt hinaus gedrängt, niedergedrückt: „Wir brauchen solche Menschen nicht! Wir wollen solches Pack nicht in unserer Stadt!“ Bartimäus wird in die Schatten einer tiefen Aussichtslosigkeit gebannt. In ihm wohnt das Gefühl der Auflehnung und der Unterwerfung, der Empörung und der Abhängigkeit, weil er sich dieser Rollenzuschreibung seiner Umgebung scheinbar unausweichlich unterwerfen muss. Jeden Tag aufs Neue muss er ein gewisses Maß an Selbstentwertung erleben. Die Erfahrung des Bartimäus ist die Erfahrung der Dunkelheit des Lebens. Nichts geht mehr, alles erstarrt, kein Licht in Sicht.

Vom Weg der alten in die neue Welt
Ich habe diese Bibelstelle bei den Wanderexerzitien vor zwei Wochen auf dem Silvrettamassiv im Montafon verwendet und habe mich entschieden, den Bartimäus und seine Geschichte auch Ihnen mitzubringen. Mit 16 Kolleginnen und Kollegen bzw. Partnern/Partnerinnen haben wir uns bei den Exerzitien den Fragen des Lebens gestellt: Was sind die Dunkelheiten meines Lebens? Was macht mich blind, nicht sehend, unfrei? Was sind die Ausweglosigkeiten meines Lebens, meines privaten sowie beruflichen Lebens? Wir sind im wahrsten Sinne den Berg hinabgestiegen in die Tiefen unserer Seele, unserer Existenz. In diesen Tagen, aber auch in vielen anderen Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, haben ich viel Resignation erlebt über den täglichen Polizeidienst, aber auch die Traurigkeit, dass die Polizei nicht mehr die Heimat gibt, die sie einst war. Die Polizeifamilie verliert im Innen scheinbar diesen liebenden Zusammenhalt, der eine Familie trägt. Die Reform schmerzt viele Kolleginnen und Kollegen. Natürlich wird viel über Sinn und Unsinn der Reform diskutiert, über die unfertigen Prozesse, die zunehmende Anonymität und die langen Wege. Ich will mich nicht in die Sachdebatte einmischen, was denn mehr Sinn macht oder nicht, aber was ich spüren kann, ist die Trauer des Abschieds von der alten Welt, wie es so schön heißt. Es scheint wie der Flug mit einer Sonde auf einen anderen Planeten zu sein. Es ist eine starke innere Distanzierung zu der Organisation Polizei zu spüren, natürlich bei jedem unterschiedlich ausgeprägt. Ich als Mensch, als Person zähle ja ohnehin nicht mehr, da mache ich nur noch Dienst nach Vorschrift. All diese subjektiven Einschätzungen und inneren Beweggründe eines jeden einzelnen sind diese Dunkelheiten im Leben, von der Bartimäus zu erzählen weiß.

Tod und Gewalt, Wegbegleiter der Alltäglichkeit
Zu diesen Dunkelheiten zählen auch die Erfahrung von Leid und Tod, von Gewalt und Respektlosigkeit. Ich bin seit Anfang des Jahres mit den Schichtgruppen des Kriminaldauerdienstes in den Polizeipräsidien Ulm, Konstanz, Tuttlingen und Reutlingen unterwegs, hatte mit fast jeder Schichtgruppe ein Reflexionsgespräch über Tod und das, was verarbeitet wird, aber auch das, was im inneren Auge haften bleibt. Jeden Schichtumlauf einen Toten, eine Leiche, ein Schicksal, ein Familiendrama, Bilder des Unfassbaren, Bilder des Todes. Auf der einen Seite ist es Routine des Polizeiberufs. Den Tod muss man abkönnen. Das sind die Hardliner, wenn man so will. Auf der anderen Seite die innere Gewissheit, dass ich aufpassen muss, weil ich mich mit dieser Konfrontation mit dem Tod ja immer auch der Gefahr aussetze, seelisch Schaden zu nehmen. Diese Spannung auszuhalten, fordert meinen höchsten Respekt. Und ich bin dankbar, diese Menschen begleiten zu dürfen.

Zu diesen Erfahrungen der Dunkelheit zählt die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte. Letzte Woche war in Esslingen die Buchvorstellung „Es reicht. Gewalt gegen Polizei“, geschrieben von einem Polizeibeamten, erlebt im Alltag von vielen Kolleginnen und Kollegen. Sich den alkoholisierten Jugendlichen am Samstag nachts um 2 Uh auszusetzen, bespuckt und beschimpft zu werden oder den Demonstranten den Kopf hinzuhalten, Steine fliegen, Fäuste, Sprühgas. Eigentlich eine unerträgliche Alltäglichkeit des Polizeiberufs.

Polizist als Mensch im Mittelpunkt braucht eine Kultur der Reflexion und Transparenz
Ich bin mir bewusst, dass Sie sich wohl fragen, was will er uns an diesem Gottesdienst all das erzählen, was ohnehin Polizeidienst ausmacht. Das wissen wir doch und bekümmert uns schon viel genug. Ich bin der Meinung, dass es gerade in diesem Polizeigottesdienst ausgesprochen gehört. Es gehört zu Gott geschrien, genauso wie es Bartimäus gemacht hat. Er hat an seinem dunklen Straßenrand geschrien: „Jesus, erbarme Dich!“ Die mit Jesus unterwegs waren, seine Jünger, wollten ihn zum Schweigen bringen. „Du zählst nicht, bist keiner von uns, ohne Rechte. Halt also den Mund.“ Bartimäus aber hat nicht klein beigegeben, im Gegenteil. Er hat noch lauter geschrien. Er ist hartnäckig geblieben. Bartimäus verhält sich non-konform. Und Jesus? Jesus hat ihn gehört, ist stehen geblieben, und wendet sich der Not dieses einzelnen Menschen zu. Die Leute selbst sind nun auch wie verwandelt und ermutigen Bartimäus aufzustehen: „Hab Mut, steh auf, er ruft dich!“ Er wirft seinen Mantel weg, sein Obergewand, alles, was er hat. Er macht sich verletzlich, angreifbar. Er wirft all seine Masken ab, seine Rollenzwänge und zeigt sein wahres Wesen. Er tritt vor Jesus hin in der Nacktheit seiner Ichs.

Ich selbst war, bevor ich bei der Polizeiseelsorge angefangen habe, an der Universität Ulm mit dem Thema Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch tätig. Wir wollten aus den schrecklichen Erfahrungen der Vergangenheit lernen, um für die Kinder heute mehr Sicherheit zu schaffen. Uns ging es darum, die Kultur des Schweigens und der Wegschauens zu verändern in eine Kultur der Achtsamkeit, des Hinschauens, eine Kultur der Reflexion und Transparenz. Ich glaube, dass es gut ist, die Kultur einer aufrichtigen Reflexion und Transparenz auch im System Polizei zu stärken. An dieser Stelle passt das Verhalten Jesu sehr gut. Er schaut auf den Einzelnen und motiviert die Leute um ihn herum, sich ebenso zu verhalten. Der Blick auf den einzelnen verwandelt andere. Der Blick auf den einzelnen verwandelt andere. Die Polizei kennt das Leitbild „Der Mensch steht im Mittelpunkt“. Ja, auch der Polizist als Mensch steht im Mittelpunkt. Eine helfende Organisation, wie es die Polizei ist, besteht im wesentlichen Kern aus den Individualitäten der einzelnen Menschen. Es sind die vielen Charaktere, die Polizei prägen, weil jeder einzelne mit seinem Gesicht, mit seinem Charisma vor die Menschen tritt, denen er zu helfen gerufen ist. Jesus gibt diesem Bartimäus seine Würde zurück. Jesus hätte den Blinden ja auch einfach schnell von der Ferne ausheilen können. Nein, er bittet ihn, seinen innigsten Wunsch selbst zu äußern, vor allen Leuten: „Was willst Du, dass ich Dir tue? Ich möchte wieder sehen. Dein Glaube hat Dir geholfen.“ Jesus fungiert in diesem Heilungsgeschehen nur als Mittler, der den blinden Bartimäus zu sich selbst zurückfinden lässt. Jesus nimmt sich zurück und gibt den anderen die Chance, seine eigene Wahrheit zu entdecken, zu sich selbst zu stehen. Er gibt ihm die Chance, aus seinem Elend aufzustehen und seinen Blick hinter die Dinge zu richten, auf etwas Größeres, Weiteres, seine Berufung. Er kann erkennen, für was er von Gott schon immer berufen wurde.

Weggemeinschaft von einzigartigen Persönlichkeiten
In der Polizei treffe ich viele klasse Typen, die zu sich selbst stehen, zu ihren Werten, zu dem, wie sie Polizist-Sein leben wollen. Es sind richtige Charaktere, einzigartige tolle Persönlichkeiten. Eine klasse Erfahrung. Gleichzeitig erschreckt mich, wie schnell junge Kolleginnen und Kollegen in der Ausbildung sich ihres Selbstbildes so sicher sind. Ich bin der Überzeugung, dass es immer auch einen gewissen Selbstzweifel oder Selbstkritik braucht, um genau in diesem Geschehen der Wahrheitssuche mir selbst treu bleiben zu können. Es braucht die Erfahrung der Dunkelheiten des Lebens. Es braucht den Abstieg an den Rand meiner Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten, weil ich erst dann den wahren Kern meiner Berufung erahnen kann.

Liebe Schwestern und Brüder,
die Geschichte des Bartimäus eröffnet uns den Blick auf unsere Organisationskultur in der Polizei, sie sensibilisiert für die Frage nach dem, was es heißt, dass auch INNERHALB der Polizei der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Geschichte des Bartimäus kann uns sensibilisieren für ein gutes Miteinander. Und sie eröffnet den Blick auf mich selbst und den Blick auf den einzelnen, der andere verwandeln kann. Das Motivbild des sehenden Blinden möchte ich Ihnen auf den Weg mitgeben als Erinnerung an diesen Gottesdienst.

Gut zu wissen, dass ich an die Ränder, an die Untiefen meines Lebens gehen muss, um in der heilenden Verwandlung das Licht und die Farbenfülle und den eigentlichen Grund meiner Existenz zu erahnen.