Predigt zum Polizeigottesdienst in Bebenhausen am 01.07.2015

 

Ich rufe dich bei deinem Namen (Jes 43,1)

Liebe Schwestern und Brüder,

die Lesung erzählt von einer außergewöhnlichen Begegnung zwischen dem Herrn und Samuel sowie seinem Lehrer Eli. Samuel wurde von seiner Mutter schon als Kind Gott geweiht und in den Tempel gebracht. Dort wurde er bei seinem Meister Eli ausgebildet und verrichtete seinen Tempeldienst. Samuel ist ein rechtschaffener Junge. Er ist schlicht und gehorsam. Er folgt treu seiner Aufgabe als Knecht im Tempel. Seine Welt besteht eben in diesem Umfeld. Für ihn gibt es nichts anderes. Das ist seine Welt.

Die soeben gehörte Geschichte erzählt von der Berufung Samuels: „Samuel, Samuel!“ ruft Gott ihm im Schlaf viermal zu. Es mag ein leises Flüstern, ein Säuseln, kaum ein hauchvoller Atem gewesen sein, kaum hörbar. Samuel vernimmt den Ruf, hört ihn aber doch nicht, weil er nicht begreift, dass Gott ihn ruft. Auch Eli, der erfahrene Tempelpriester braucht dreimal, um zu verstehen, dass es ein tiefgreifender Ruf sein muss, den Samuel im Schlaf erreicht. Diese Gottesbegegnung ist seine Berufung, nach der sein Leben ganz anders verlaufen wird. Samuel hat seine Berufung angenommen: „Rede, Herr, denn dein Diener hört.“ Er hat in der Tiefe seines Wesens erfasst, was sein Weg ist, was sein Leben sein wird. Er wurde zum Hörenden!

Höre auf Deine Berufung!
In dieser kurzen Erzählung erkenne ich viele Erlebnisse und Erfahrungen wieder, die mir in der Polizeiwelt zugetragen werden. Das zentrale Element der Berufung ist das Hören.

Mir begegnen in der den Ausbildungsstätten oft ganz tolle, motivierte junge Männer und Frauen, die ihrem Ideal, eine gute Polizistin, ein guter Polizist, konsequent nachgehen. Der Polizeiberuf ist nicht nur ein Beruf, er ist Berufung, eine Leidenschaft, eine Hingabe für eine bessere Welt, für eine demokratische Gesellschaft, die für Menschenwürde und Freiheit steht. Diesen Idealen darf ich am Anfang der Ausbildung immer wieder begegnen. Ich mache oft aber auch die Erfahrung, dass nach den ersten Praktika, den Realitätscheck, diese anfänglich in den jungen Menschen vorhandenen starken Kräften einer inneren Überzeugung abhanden kommen. Es könnte sein, dass das eigene Berufsideal, die eigene Berufung verwässert, uni-formiert wird, verloren geht. Wenn ich dann mit Dienstgruppen älterer Kolleginnen und Kollegen zu tun habe, scheint mir, die Wurzel der Berufung gänzlich vertrocknet zu sein.

Eine Ursachenforschung ist ein schwieriges Geschäft, doch gibt es einige Erfahrungen, die sich gehäuft wiederholen: Das Polizeigeschäft wird immer mehr; die Erfahrungen mit der sich veränderten Organisation Polizei; die bedrückenden Erfahrungen auf der Straße, als Polizeibeamter der gesellschaftliche Fußabstreifer zu sein, sich Gewalt und Angriffe ausgesetzt zu wissen und sich eines Rückhalts nicht sicher zu sein; die Erfahrung der Berufsverdrossenheit älterer Kollegen und Kolleginnen; die Erfahrung der Resignation; die Erfahrung, den bewährten familiären Zusammenhalt der Polizeifamilie zu verlieren.

Diese anfängliche Berufung, die Leidenschaft zum Polizeidienst scheint im Alltagsgeschäft verloren zu gehen. Natürlich: Nicht bei jedem und nicht überall. Doch die geschilderten kritischen Erfahrungen sollen auch Platz in diesem Gottesdienst haben dürfen.

Ich bin der Überzeugung und unsere Bibelstelle führt uns dort hin: Die Kraft zum Leben, die Kraft zur Mitgestaltung der Welt kommt eben genau aus dem anfänglichen Hinhören auf die Stimme in meinem Herzen, das leise innere Gewissheit, ja, diesen Polizeiberuf möchte ich ausüben, der passt zu mir.

Aus der Geschichte des Samuels lernen wir, dass die innere Stimme, das Rufen Gottes nicht aufgehört hat, er hat immer wieder nachgehakt. Für uns heißt das: Bleib Dir treu in Deiner Berufung! Höre immer wieder neu hin auf das, was Dich zum Polizisten und Polizistin berufen hat. Nimm Dir immer wieder die Zeit, Dich neu zu prüfen, was Dich zu diesem verantwortungsvollen und ehrenhaften Beruf motiviert hat. Besinne Dich auf den Ursprung. Das könnte man noch weiter fassen: Besinne Dich darauf, was Gott von Dir will, was das Leben von Dir möchte. Was ist die Ursubstanz meines Daseins? Es ist die Rückbindung auf das Wesentliche, auf das Wesen meines Menschseins, das wir aus dieser Samuelberufung lernen können. Höre in Dich hinein, höre in der Stille in Dich hinein und Du wirst Dein Ja Gottes zu Dir erahnen.

Höre auf den anderen!
Bei einer von mir mit einem externen Referenten organisierten Führungsfortbildung zum Thema „werteorientiert führen“ im Polizeipräsidium Ulm Mitte Mai 2015  hat der Referent Bezug genommen auf die Ordensregeln des Heiligen Benedikt, der Urvater der klösterlichen Christentums. Er sagt, dass als Führungskraft alles delegierbar sei, jede Einsatzleitung, jede Entscheidung, jede Sachaufgabe. Das einzige, das nicht delegierbar sei, ist das Gespräch mit Mitarbeitern. Der persönliche Kontakt zu denen, für die man verantwortlich ist, ist nicht delegierbar, alles andere schon. An dieser Stelle ist es fundamental, dass Führung ihren Platz, ihre Verantwortung wahrnimmt. Auch diese Haltung hat grundlegend mit dem Fähigkeit des Hörens, des Zuhörens zu tun. Gute Personalgespräche sind jene, in der in einer wertschätzenden Begegnung das ehrliche und aufmerksame Zuhören von beiden Seiten ausgewogen ist. Der Redeanteil sollte gleicher Maßen verteilt werden. Der Vorgesetzte, oder nach der benediktinischen Regel ist ja der Abt gemeint, und das passt hier in einem ehemaligen Zisterzinzerkloster ja ganz gut, soll vor allem zuhören, hinhören. Warum? Damit er erfassen kann, was dem Mitarbeiter im Herzen, im Innersten wirklich bewegt. Was ist sein Anliegen? Wofür brennt sein Herz? Und auch wenn man sich schon viele Jahre kennt und schon so viele Gespräche miteinander geführt hat, z.B. über die immer wiederkehrenden Beurteilungswerte, jedes Gespräch bedarf der Würde dieser leisen und achtsamen Aufmerksamkeit der ersten Stunde. Weil es dann nicht mehr nur um die Sache geht, über die man reden möchte, sondern um die Person, um die Persönlichkeit, um denjenigen, der einer ursprünglichen Berufung nachsehnt. Wenn das gelingt, kommen wir auch vom Leitbild näher, dass der Mensch, eben auch der Polizeibeamte, im Mittelpunkt steht.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Berufung des Samuel ist eine Erfahrung des Hörens, die ich versucht habe in zwei Dimensionen auszudeuten: In der Dimension der persönlichen Berufung und in der Dimension des Aufeinander-Hörens, in dem die Entdeckung der eigenen Berufung geschehen darf.

Ich möchte Sie gewissenmaßen zum Hören motivieren. Hören ist die eine grundlegende biblische Eigenschaft, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Menschen mit Gott zieht. Das Nicht-Hören, das Taub-Sein für die Stimme Gottes ist die Verweigerung des Lebens, sich als geschenkte Liebe, als Geschöpf zu begreifen. Wenn ich offen bin für das, was Gott für mich will, weil ich in seinen Augen einzigartig bin, mit meinem ganz individuellen Namen, mit meinem Charakter, mit meiner Persönlichkeit, dann werde ich frei, frei von den Zwängen des Tun-Müssens, frei von den scheinbaren Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheit, frei von der Selbstherrlichkeit. Im Hören auf die innere Stimme Gottes darf ich sein ewiges Ja zu mir erahnen: „Ja, du bist mein. Ich habe Dich bei deinem Namen gerufen, weil du einmalig bist.“