Geistliche Ansprache am 06.11.2015 in Biberach

 

Zunächst einen Auszug aus Navid Kermani: Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt, 2015.
hier: 
Das Leben, als was es ist. Lampedusa, September 2008

„Auf Lampedusa herrscht der Ausnahmezustand…Wieder nachts. Am äußersten Ende des alten Hafens [von Lampedusa] entdecke ich Menschen vor einem französischen Kriegsschiff. Wahrscheinlich ist es zu groß für die Mole, die eigentlich für die Flüchtlinge vorgesehen ist. Fünfundsechzig Somalier sind im Sturm gerettet worden, darunter dreizehn Frauen, achtzig Seemeilen vor der libyschen Küste, eine Schwangere, fünfter Monat, ein Verletzter….Die Chiffre Somalier kenne ich bereits: Wahrscheinlich gehören sie einer einzigen Familie oder einem einzigen Clan an, ihre Flucht hat vor Monaten begonnen, zu Hause hatten sie Krieg, kann sein, dass sie vertrieben worden sind, bestimmt gab es Tote. Das Gegenteil von Sonntagsausflüglern, [die sich sonst auf der Ferieninsel Lampedusa aufhalten]. Soldaten reichen vom Deck große rote Plastiktüten, die beinahe leer sind, für jeden Flüchtling eine, nehme ich an, deren Habseligkeiten. Sie sitzen im Schiffsinneren,[im Schiffsbauch], wo sie es wärmer haben. Sie sind die Zeugen unserer Zeit…

…Als die Flüchtlinge abgefahren sind, unterhalte ich mich mit dem Kapitän, der eigens für mich vom Bord kommt.

-         Gratulation, ist das erste, was ich sage, ich gratuliere Ihnen herzlich!

-         Warum? Lächelt der Kapitän…und weiß…sofort, was ich meine. Ihn wenigstens ist die Freude anzumerken.
Ich erfahre, wie die Flüchtlinge entdeckt wurden, dichtgedrängt auf einem kleinen Holzboot, nein, nicht im Sturm, da wäre es zu spät gewesen, sondern kurz davor, als Sterne am Himmel waren.

-         Wie haben die Flüchtlinge reagiert, als sie Ihr Schiff gesehen haben?

-         Sie haben diskutiert, als wir sie anleuchteten, einige freuten sich, und winkten, andere hatten Angst und schienen für Flucht zu plädieren. Mit unseren Beibooten versperrten wir ihnen den Weg. Als wir ihnen sagten, dass wir sie nicht nach Libyen zurückbringen würden, ja, da haben sich alle gefreut, da brach Jubel aus. Kurz danach zogen sich die Wolken zusammen, da wurden sie plötzlich ganz still, und als das Gewitter losbrach, wurde ihnen klar, wie knapp sie dem Tod entronnen waren.

-         Wie ist es mit anderen Flüchtlingen, die heute Nacht auf Booten unterwegs waren? frage ich: Gibt es eine Chance, dass jemand den Sturm überlebt hat?

Der Kapitän denkt nach und sagt dann:

-         Null Prozent.

Als ich nach Frontex frage [Frontex war die Firma, die damals die EU-See-Außengrenzen sicherte und Flüchtlingsboote abdrängen sollte. Das ist seit 2014 nicht mehr der Fall], bricht es beinahe aus ihm heraus:

-         Wenn ich ein Holzboot mit fünfundsechzig Menschen auf dem offenen Meer sehe, dann ist mir Frontex scheißegal, dann denke ich nicht an Immigration, an Papiere, an Zollbehörden. Dann rette ich sie, verdammt noch mal.

Für ihn als Kapitän, fährt er fort, um seinem kleinen Ausbruch eine Erklärung nachzuschicken, stehe das Seerecht über etwaigen Verordnungen der Europäischen Union, er dürfe also gar nicht anders handeln.

-         Sieht das jeder Kapitän so?

Der Kapitän weiß sofort, auf welche Aussagen ich anspiele.

-         Ich bin mir sicher, sagt der Kapitän, dass jedenfalls alle französischen Kapitäne genauso gehandelt hätten, außerdem hatte ich die Zustimmung meiner Einsatzleitung.

Ich bin sicher, dass der Kapitän genauso gehandelt hätte auch ohne die Zustimmung seiner Einsatzleitung.“

Liebe Anwärter und Anwärterinnen, sehr geehrte Damen und Herren,

warum erzähle ich die Geschichte dieses Kapitäns auf Lampedusa aus dem Jahr 2008? Sie ist vergleichbar mit unserer heutigen Situation an den deutschen Grenzen. Sie ist Sinnbild für unsere Verantwortung. Ja sie ist auch Sinnbild für den Polizeiberuf, für den Polizeialltag, für den tagtäglichen Umgang und die Begegnung mit Menschen.

Ich habe diese Erzählung auch gewählt, weil ich Ihnen damit sagen möchte:

Werden Sie wie dieser Kapitän! Auch wenn sich unsere Zeit scheinbar, wie der Friedenspreisträger Navid Kermani schreibt, im „Ausnahmezustand einer beunruhigten Welt“ befindet, ist die innere Haltung und schließlich das Handeln des französischen Kapitäns eindeutig: Humanität und Solidarität – Menschlichkeit. „Wenn ich ein Boot mit Menschen auf offenen Meer sehe, dann rette ich sie, verdammt noch mal.“

Diese Einstellung ist die Einstellung zu unserer Verfassung, auf die Sie heute Ihren Diensteid ablegen. Ein Kern, der Kern, der erste Satz ist die Menschenwürde: Jeden Menschen ist in seiner einzigartigen Lebenssituation zu sehen, in seiner je eigenen Würde. Jeder ist in Wesen, Geist, Seele, Emotionen, Körper und Handeln einzigartig. Ja, und ich sage aus christlicher Perspektive, jeder Mensch ist gewolltes und geliebtes Geschöpf Gottes, ein guter Mensch. Die Würde des Menschen schließt Menschlichkeit mit ein. Die Bibel nennt es Barmherzigkeit. Es gibt nicht DIE Flüchtlinge, DIE Opfer, DIE Täter, sondern wie jeder einzeln aus dem Schiffsbauch ausstieg, der Alte, die Schwangere, der Verletzte, die jungen Männer, so bringt jeder zu uns flüchtende Mensch eine Geschichte mit, oft mit Verletzungen und Entbehrungen, ja mit Tod, Gewalt, Misshandlung und sicher auch Armut. Letztlich ist diese Haltung einer Würde auf all jene Begegnungen zu übertragen, auf die Sie im Polizeialltag treffen werden, nicht nur im Flüchtlingskontext, sondern eben gerade im Alltag des Einzeldiensts oder der Bereitschaftspolizei. Es kommt immer auf Ihr Gespür und Einfühlungsvermögen an, nicht nur blind Gesetze umzusetzen, sondern Herz und Verstand, menschliche Wärme wirken zu lassen.

Das Jahr 2015, Ihrem Jahr des Eintritts in die Polizei, Ihrem Vereidigungsjahr ist das Jahr der Flucht nach Deutschland, die direkt vor unserer Haustüre, und ab morgen auch in der unmittelbaren Nachbarschaft dieses Geländes, vorläufig endet und den Menschen Sicherheit gibt. Ich möchte Sie einladen: Erinnern Sie sich im Laufe Ihres zukünftigen Berufslebens daran, dass dieses Jahr 2015 für Sie DAS Jahr Ihres Bekenntnisses ist. Ein Jahr, in dem wir täglich mit der Flüchtlingssituation und -politik in den Medien konfrontiert sind, in dem ein beispielloses ehrenamtlich helfendes Engagement, eine Willkommenskultur aber auch beschämenderweise Hass und ausgrenzende, rassistische Parolen, brennende Asylheime unser Land, Europa prägen, ja polarisieren. Sie sagen mit dem heutigen Eid JA zu einem Staat, der nicht ausgrenzt, sondern einschließt. Sie sagen NEIN zu einem menschenverachtenden und unwürdigen Patriotismus.

Liebe Anwärterinnen und Anwärter,

ich merke, dass mein Herz voll ist mit guten Wünschen, die mir im Gespräch mit zwei Klassen von Ihnen am Mittwoch bei der Vorbereitung auf die Vereidigung deutlich geworden sind. Irgendwie muss ich mich beschränken. Die Geschichte des Kapitäns kann vielleicht so ein Anker sein, ein inneres Bild, an das Sie sich erinnern mögen und übertragen können in ihren Polizeialltag.

  • Der Kapitän ist ein Charaktertyp, ein starke Persönlichkeit, der verwurzelt ist in den europäischen Grundwerten der Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit. Werden Sie zu Persönlichkeiten, die nie fertig sind, zu wachsen. Leben Sie bewusst!
  • Der Kapitän hat uneingeschränkt geholfen. Bewahren Sie sich Ihre Motivation, zu Polizei gegangen zu sein, die mehrheitlich mit „Helfen-Wollen“ zu tun hat, ohne zu wissen, wie sich Polizei und Polizeiarbeit verändern wird.
  • Der Kapitän ist sich und seinen inneren Werten treu geblieben. Bleiben Sie sich treu, seien Sie achtsam mit sich selbst, ohne zu wissen, was Ihr Leben für Sie bereithält!
  • Der Kapitän war mutig und tapfer. Seien Sie mutig, ohne zu wissen, welche Lagen auf Sie warten werden.
  • Der Kapitän hat sich mit seinen französischen Kapitäns-Kollegen solidarisiert. Seien Sie kameradschaftlich, leben Sie in die Gemeinschaft der Polizeifamilie hinein. Sie werden merken, welche tolle Menschen sie begegnen werden.

Ja, werden Sie wie dieser Kapitän! Lieben Sie die Menschen! Gott segne Sie dazu!